Shaolin ist die Wiege des chinesischen Buddhismus und des Kung-Fu.

Der Mönch verstand gleich am ersten Tag seiner Mission in Deutschland, was zu tun sei. Es war Sommer in Berlin. Der Buddhist aus dem chinesischen Shaolinkloster bei den Songshan-Bergen war am Morgen in Tegel gelandet. Am Abend verteilte er Werbeflyer auf dem Kurfürstendamm. Es war Love Parade in Berlin, und der Mönch sagte später am Abend: „Offenbar ist es gut, dass ich gekommen bin. Die Menschen hier scheinen mich zu brauchen.“
Das ist anderthalb Jahre her und Shi Yongchuan bildet heute mit fünf anderen buddhistischen Mönchen das Rückgrat des Unternehmens Shaolin-Tempel Deutschland. Tief im Berliner Westen, dort wo der Ku’damm seiner selbst überdrüssig wird und sich in Belanglosigkeiten verliert, hocken vor einer schmalen Glasfassade zwei chinesische Steinlöwen. Es ist die erste Deutschlandfiliale des legendären Klosters der Kampfmöche. Das jüngste von insgesamt drei Berliner Buddhahäusern verdankt die Hauptstadt Rainer Deyhle, dem Sohn des einstigen „Stella“-Musicaltycoons, Rolf Deyhle. Deyhle junior, 38, Jurist und Buddhist, ist schon lange fasziniert von der Mischung aus Weltentsagung, Friedfertigkeit und der Kunst, mit dem Finger ein Loch in die Wand zu rammen. Meditation und Kung-Fu, eine Männertraumwelt, die durch Exegeten wie Bruce und Ang Lee ein ganzes Filmgenre bevölkert. Für Deyhle das Versprechen, der westlichen Welt etwas Gutes zu bringen. Jeden Tag unterrichten die chinesischen Importmönche Kinder und Er-wachsene mit wenigen Worten Deutsch in Tai-Chi, Meditation, buddhistischem Ritus und Shaolin-Kung-Fu. Rund 350 Schüler hat der Tempel schon, davon ein Drittel Frauen. In der Souterrainhalle mit Sichtbeton übtest früher Tanz-schüler. Heute glaubt man sich im Parkhaus einer chinesischen Luxusherberge. Palastrote Säulen stemmen die niedrige Decke. Ein blau-weißer Fries, wie er in jedem chinesischen Tempel zu fin-den ist, säumt den Plafond. Auf einem Holztischchen ruht der ewig lächelnde Buddha, die Augen fast geschlossen, eine Orange in der Hand.

 

*tazmag sonnabend/sonntag, 14./15. dezember 2002 50. woche nr. 272
von ADRIENNE WOLTERSDORF (Text)